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Bürgertreff in der Kapitelsbibliothek

Erstellt von Karl Heinz Trapp | |   Ausflüge

„Die Kapitelsbibliothek in der evangelischen Stadtkirche St. Johannes und St. Martin ist ein Schatz“, mit diesen Worten begann Buchbindermeister Karsten Volland eine Führung in einem Raum, der oberhalb der Sakristei liegt und eine riesige Menge alter Bücher enthält. Volland ist seit seit März 2017 Pfleger der Bibliothek.

 

Er informierte eine Gruppe interessierter Mitglieder des Limbacher Bürgertreffs in einer ungemein interessanten und lehrreichen Führung durch „sein Reich“. Die Bibliothek hat vorreformatorische Wurzeln und verfügt über einen wertvollen Buchbestand. Über Jahrhunderte wurde der Bibliotheksbestand durch vielseitige Buchspenden ständig erweitert und trägt zum kulturellen Reichtums Schwabachs bei. Sie beherbergt Handschriften aus dem 14. Jahrhundert und enthält die Sammlungen Augustin Obermair und Konrad List. Durch diese Vielseitigkeit hat sich die Bibliothek zu einem Kleinod entwickelt. Eine der letzten Spenden übergab der frühere Stadtpfarrer und Domkapitular Alois Ehrl bei Eintritt in den Ruhestand der Bibliothek.

Glück für Schwabach, dass der Schwedenkönig Gustav Adolf, der nach der Einnahme Schwabachs im Dreißigjährigen Krieg zwar die Stadt und ihre Bewohner sehr drangsaliert hat, die Kirchenbibliothek aber unversehrt ließ. Deutlich sichtbar war auch der Übergang von den handschriftlich abgefassten zu den gedruckten Büchern. Der von früheren Bibliotheksleitern akribisch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fortgeführte handschriftlichen „Alten Katalog“, enthält auch die als ordentliche Bücher gebundenen Sammelbände Nummer 619 bis 642. Doch Tatsache war leider etwas ganz anderes. Wohl vor rund 100 Jahren waren sie zwar gesichtet, thematisch geordnet und eben handschriftlich für den Katalog erfasst worden. Doch die hierin klar erkennbare Vorbereitung auf das Binden zu lesbaren Büchern war bisher nie zur Fortführung gekommen.

„Stark vergammelt“

Es fanden sich lediglich 24 mit Bindfaden verschnürte Kladden aus gewendeten und wiederverwerteten alten Aktendeckeln. Außen und innen waren sie weithin stark vergammelt. Darin befanden sich vereinzelt bereits geheftete Broschüren, zumeist aber noch niemals geöffnete und im Laufe der Jahrhunderte eingerissene, angeschmutzte und angeschimmelte Druckbogen aus dem 16., meist aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Insgesamt mehr als 200 Titel, meist theologische, historische oder politische Gelegenheitsschriften. Aus diesen Kladden sollten ordentliche Bücher entstehen.

Bevor die Drucke jedoch der Buchbinderei zugeführt werden konnten, waren anspruchsvolle Vorarbeiten zu leisten. Zwar waren die Drucke thematisch geordnet, jedoch nicht nach Größe. Winzige Gebetstexte, kleiner als das heutige A6-Format gab es ebenso wie Plakat-Einzeldrucke, die selbst gefaltet eher heutigem A3 entsprachen.

Glätten mit Bügeleisen

Also mussten die Drucke zusätzlich in einigermaßen gleichformatige Pakete geordnet werden. Eine logistische Herausforderung, durfte doch die Zahl der entstehenden Bücher dabei nicht zu groß werden und konnte schließlich auf 36 begrenzt werden. Die noch ganz unbearbeiteten Drucke mussten entfaltet, in der richtigen Reihenfolge neu und diesmal exakt gefaltet und angeordnet werden. Nicht selten kam ein Bügeleisen zur Glättung und ein trockener Lappen zur Entfernung des groben Schmutzes zum Einsatz. Manche Drucke erwiesen sich auch als unvollständig: Ganze Druckbogen oder manchmal auch nur halbe Plakate fehlten. Dank des Internets konnte ein Großteil des Fehlenden aus digitalen Daten anderer Bibliotheken kopiert und nachgedruckt werden. Anderes wurde in der Stadtbibliothek beziehungsweise dem Stadtarchiv Nürnberg besorgt.

Fachgerecht gebunden

Schließlich wurden die neu entstandenen „Pakete“ mit entsprechenden Arbeitshinweisen dem Schwabacher Buchbindermeister Karsten Volland übergeben. Dieser hat daraus mit seiner großen Erfahrung fachgerecht Bücher angefertigt.
Es sind nunmehr 36 im äußeren Erscheinungsbild zwar gleiche, jedoch in Größe und Umfang höchst unterschiedliche braune Hardcover-Leinenbände entstanden. Zwischen einem und 30 Titeln findet man nun zwischen den Buchdeckeln.

Bücher zum Anfassen

Derzeit werden sie allesamt detailliert im entstehenden und bereits weit fortgeschrittenen elektronischen Katalog erfasst, dieser kann dann auch im Internet eingesehen werden. Die Bibliothek enthält aber auch noch andere großartige Bände. So wird in den nächsten Tagen ein besonders wertvolles Buch mit dem Titel „Die sieben Planeten“  an das Museum nach Herne geschickt.

Auch Kettenbücher sind in der Bibliothek vorhanden. Als Kettenbuch  wird ein Buch aus dem Mittelalter oder aus der frühen Neuzeit bezeichnet, das die Spuren der Bibliothekspraxis zeigt, die Bücher, durch meist eisernes Anketten zu schützen. Das Intelligenzblatt, der Vorgänger des Schwabacher Tagblatts, wird ebenso in der Kapitelsbibliothek aufbewahrt. Daneben auch der "Hexenhammer", ein Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung, die auch in Schwabach durchgeführt wurde und heute als Theater aufgeführt wird.

Karsten Volland merkt man bei jedem Satz seiner hoch interessanten und scheinbar unerschöpflichen Erklärungen an, dass er nicht nur Bücher restaurieren und reparieren kann, sondern das ihm die Bibliothek eine Herzensangelegenheit ist. So begeisternd und mitreißend erzählen kann nur einer, der eine echte Bindung zu den unersetzlichen Folianten hat.

Er zeigte uns noch einige besonders interessante Exemplare, etwa ein Buch dass erst zum Teil fertig gebunden war und an dem deutlich wurde, wie Buchbinden geht oder ein polyglottes (viel sprachliches) Buch, dessen Text in mehreren Spalten nebeneinander in verschiedenen Sprachen abgefasst ist.

Auch nach mehr als eineinhalb Stunden gab es auf beiden Seiten keinerlei Ermüdungserscheinigungen. Doch die hohe Temperatur hatte Durst gemacht, der erst einmal mit einem vom Verein gespendeten Bier gelöscht werden musst.
 

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Karsten Volland (re) zeigt echte Schätze
Bibliophile Schätze werden in Schwabach gehegt
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Ein polyglottes also mehrsprachiges Buch
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Karsten Volland (li) zeigt wertvolle Bücher.
Buchbindermeister Karsten Volland (li) zeigt wertvolle Bücher.